Sachsen-Anhalt: „Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“ : Datum:
„Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“ war in diesem Jahr das Thema des Geschichtswettbewerbs. In Sachsen-Anhalt würdigte Bildungsministerin Eva Feußner die Projekte.
Bildungsministerin Eva Feußner hat als Schirmherrin in Sachsen-Anhalt die Preisträgerinnen und Preisträger des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten gewürdigt.
„Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“ lautete das Thema der 27. Ausschreibung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten, den die Hamburger Körber-Stiftung ausrichtet. Der Wettbewerb möchte mit dem Thema junge Menschen bis zum Alter von 21 Jahren anregen, sich mit der gesellschaftlichen Bedeutung des Sports – diesmal besonders in Corona-Zeiten – auseinanderzusetzen. Der alle zwei Jahre stattfindende Geschichtswettbewerb wird seit über zehn Jahren auch in Sachsen-Anhalt durchgeführt. Ziel ist es, Interesse an dem Themengebiet Geschichte zu wecken und zu fördern.
„Sport ist zu allen Zeiten im öffentlichen Bewusstsein präsent. Er wird bewertet, kritisch begleitet, hochgeschätzt. In der DDR war Sport ein Mittel zur außenpolitischen Darstellung und wirkte staatstragend. Aber auch in allen anderen Gesellschaftsformen, angefangen im Römischen Reich, hatte Sport immer eine gesellschaftliche und politische Relevanz. Von daher ist es wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, Forschung zu betreiben und Wertungen vorzunehmen. Nur wer die Geschichte kennt, kann Zukunft gestalten“, so Ministerin Feußner bei der Preisverleihung.
Aus Sachsen-Anhalt nahmen im Jahr 2021 insgesamt 94 Schülerinnen und Schüler mit 36 sehr interessanten Beiträgen teil. Die Preisverleihung fand – passend – im Kulturhistorischen Museum
Quellen: Ministerium für Bildung Sachsen-Anhalt
Die Bedeutung des eigenen Vereins für den Heimatort, die Geschichte von Sportstätten oder die Rolle von Sportlerinnen und Sportlern während des Nationalsozialismus – dies sind nur einige der Themen, zu denen über 3.400 Schülerinnen und Schüler beim 27. Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten auf Spurensuche gegangen sind. Einige Beiträge aus Sachsen-Anhalt seien hier vorgestellt.
Die meisten Beiträge befassten sich mit regionalen Themen des Sports in der DDR, dem Schulsport oder auch dem Sport in Vereinen. Eine Besonderheit ist der Beitrag des Gymnasiums Jessen (Elster) im Landkreis Wittenberg, in dem sich Schülerinnen und Schüler mit einem wenig beachteten Thema beschäftigt haben, das hier am Anfang stehen soll.
- Gymnasium Jessen (Elster): „Sie jagen im Kreis um ihr Leben. Häftlingssport in Konzentrationslagern – Qual oder Freude?“
Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Jessen (Elster) haben sich in den letzten Jahren immer wieder in Kooperation mit der (in den 1990er Jahren geretteten!) Mahn- und Gedenkstätte KZ Lichtenburg (eines der ersten Konzentrationslager im Lagersystem des Deutschen Reiches) beschäftigt, beispielsweise der Verfolgung von Sinti und Roma oder in einem großartigen Kurzfilm der Situation von Frauen im KZ Lichtenburg. Hier greifen sie nun ein Thema auf, das selten beachtet wurde und dem man weite Aufmerksamkeit wünscht.
- Dr.-Carl-Hermann-Gymnasium Schönebeck: „Legenden in Bademänteln. Wie der 8. Mai 1974 die blau-weißen Herzen erfüllte“
Die „Blau-Weißen“ waren der 1. FC Magdeburg, der an diesem Tag in Rotterdam das Europapokal-Endspiel gegen den AC Mailand gewann, als David gegen Goliath. Die Mannschaft lief anschließend in weißen Bademänteln eine Ehrenrunde im Stadion – aufgrund fehlender Reisefreiheit ohne Magdeburger Fans im Publikum. Eine Schülergruppe der Geschichts-AG der Europaschule und „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ begab sich auf Zeitreise zu diesem regional so bedeutsamen Sportmoment. Der Pokal stand übrigens später im Schaufenster des CENTRUM-Warenhauses von Magdeburg.
- Latina August Hermann Francke (Haale/Saale): „Vereinsgeschichte im gesellschaftlichen Wandel Schwimmen in Gemeinschaft – 50 Jahre SSV 70“
Zwei Neuntklässlerinnen untersuchten die Geschichte ihres Heimatvereins, der Schwimm-SportVereinigung 1970 Halle-Neustadt, anhand von Vereinschroniken, Zeitzeugeninterviews, Archivquellen sowie von Objekten wie Badeanzügen und Medaillen. Besonderes Augenmerk legten sie auf die Veränderungen nach der Wiedervereinigung, als der Verein vom Einsparten- zum Mehrspartenverein wurde und nicht mehr die sportliche Leistung, sondern das gesellige Vereinsleben entscheidend wurde.
- Lucas-Cranach-Gymnasium Lutherstadt Wittenberg: „Die Friedensfahrt – sie ‚wird das sein, was wir aus ihr machen’. Eine Analyse zum größten Amateur-Etappenrennen der Welt im Zeitraum von 1950 bis 1965“.
Ausgehend von ihrer persönlichen Begeisterung für den Radsport untersuchte eine Schülerin der 10. Klasse unter Nutzung von Archivmaterialien, Zeitzeugeninterviews und Fachliteratur das berühmte Amateurrennen, bei dem ab 1952 neben Polen und der ČSSR auch die DDR Mitveranstalter war, die mit „Täve“ Schur einen ihrer prominenten Sieger hervorbrachte. Die Schülerin erforschte dabei auch den politischen und gesellschaftlichen Kontext der Friedensfahrt.
- Philanthropinum Dessau: „Das Philanthropinum in Dessau - Stammmutter des Schulsports“
Eine Schülerin und ein Schüler sind sicher, dass überhaupt „die Anfänge des Sportunterrichts am historischen Philanthropinum lagen“. Denn das 1774 von Johann Bernhard Basedow gegründete und von pädagogischen Reformern wie Ernst Christian Trapp und Christian Gotthilf Salzmann geprägte Philanthropinum Dessau galt als die „Stammutter aller guten Schulen“. Sie forschten zu den ersten Sportlehrern am „Philan“, den ersten Sportgeräten und den möglichen Sportstätten in Dessau.
- Landesschule Pforta (Naumburg/Saale): „Zwischen Zwang und Drang – Sport an der EOS Schulpforta“
Den schulischen Reichtum Sachsen-Anhalts spiegelt auch die 1543 gegründete Landesschule Pforta mit ihren berühmten Schülern – Klopstock, Fichte und der Historiker Leopold von Ranke – und der Historischen Bibliothek. Sie ist selbst wechselvolle Landesgeschichte. Drei „Portenser“ nahmen in diesem Jahr am Geschichtswettbewerb teil. Mit einer Analyse von Lehrplänen und Zeitzeugeninterviews verglich ein Zwölftklässler die Vorgaben für den Sportunterricht in der DDR mit der tatsächlichen Umsetzung an der Schule.
- Burger Roland-Gymnasium: „Leistungsauftrag als Klassenauftrag im Sportwunderland – Die Instrumentalisierung der Sportler“
Eine Elftklässlerin untersuchte in einer größeren schriftlichen Arbeit mit Hilfe von Archivquellen des Landesarchivs und des Stadtarchivs das DDR-Sportförderungssystem mit besonderem Blick auf das Doping und das regionale Beispiel der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Magdeburg. „In der zehnten Klasse habe ich mich schon einmal in ähnlicher Form mit der Stasi auseinandergesetzt. Dabei entstand auch die Idee für diese Arbeit“, sagte die Schülerin der „Burger Rundschau“. Ein Filmbericht über das Projekt unter: https://www.br-g.de/
Mit den meisten Projekten – darunter „Die DLRG in Wernigerode“, „Sport als Aushängeschild der DDR. Sportler-Soldaten ohne Gewehr oder Diplomaten im Trainingsanzug?“ und „Die Skisprungschanze im Zwölfmorgental“ – erhielt die Auszeichnung als „Landesbeste Schule Sachsen-Anhalt“ schließlich das 1995 neu gegründete Landschulheim Grovesmühle, eine staatlich anerkannte Privatschule in der Tradition der Hermann-Lietz-Schulen. Das Landschulheim war 1914 durch Hermann Lietz gegründet worden. In der DDR befand sich dort eine Polytechnische Oberschule (POS) mit Hort. Seit 2006 in Trägerschaft der „Landschulheim Grovesmühle-Gemeinnützige GmbH“, ist die Schule Mitglied der Vereinigung deutscher Landerziehungsheime bzw. seit deren Auflösung 2011 der „Internate Vereinigung“.
Die Magdeburger „Volksstimme“ und die „Burger Rundschau“ berichteten ausführlich über einige der Projekte, denen zu wünschen ist, dass sie breite Aufmerksamkeit erhalten.
„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie hat ihre Gewohnheiten“, zitiert der Fachbereich Geschichte des Dr.-Carl-Hermann-Gymnasiums Schönebeck den französischen Historiker Fernand Braudel. Ein guter Ausgangspunkt für historische Forschungsprojekte in Schulen. Die Landessieger nehmen nun an der Wahl zum Bundessieger teil.
Quellen: Körber-Stiftung, Magdeburger Volkstimme und Burger Rundschau vom 14.10.21, Homepages der Schulen